Ich sitze wie fast jeden Morgen bei einer Tasse Kaffee an meinem Ofen und schreibe. Die Strahlung des Ofens wärmt mir meinen Rücken und gibt mir ein wohliges Gefühl von Geborgenheit.
 
Es ist, als rede ich mit mir selbst, wenn ich schreibe. Ich unterhalte mich mit mir, mit meinen vielen Stimmen in mir, die alle mitreden wollen, die alle was zu sagen haben. Die alle wichtig sind.
Vor allem die Stimmen meiner „Inneren Kinder“ sind oft da, manchmal ganz still und leise, piepsend und kaum zu erlauschen, manchmal laut und aufdringlich, ängstlich, schreiend, kaum zu ertragen…
So habe ich immer alle Hände voll zu tun mit mir und meinem Leben.
 
Ich sehe mein Leben inzwischen wie ein Studium. Es gibt viele theoretische Semester, in denen ich vor allem vor mich hinstudiere, grüble, lese, wie denn das eine und wie das andere gut zu machen sein könnte.
Zur Zeit ist wieder mal „Mutterheilkunde“ dran. Wie oft dieses Fach in meinem „Leben nach der Kindheit“ nun schon dran war! Die ersten male mit fast unerträglicher Heftigkeit. In der Wiederholung dann noch immer sehr intensiv. Wir Männer haben zu diesem Fach ja eine ganz besondere Beziehung. Sind wir doch vom „anderen Geschlecht“ geboren und überwiegend großgezogen worden. Unser eigenes müssen wir erst im Lauf der Jahre noch finden.
 
Jetzt hab ich langsam meine Neugier an diesem Fach entdeckt und es wird spannender und zugleich ruhiger.
Auch andere Themen verlieren langsam an Heftigkeit und „befrieden“ sich. Die Stille in mir jetzt war der Mühen zuvor wirklich wert. Hier in der Stille ist Raum, in dem Neues wachsen darf. So wie ich es mir schon lange wünschte.
 
Neben den theoretischen Semestern sind da natürlich noch sehr viele praktische. Die haben es besonders in sich. Und theoretische und praktische Semester sind zeitlich oft völlig ineinander verwoben, wechseln stündlich und schneller.
Kann man sich die Realität in den theoretischen Semestern noch ganz gut so hinbiegen, wie man das gerne hätte, fällt man damit in den praktischen Semestern oft ziemlich auf die Nase. Kann „der Kopf“ in seinen Vorstellungen über das Leben noch so manches hinbiegen, stellt man in der Praxis fest: das Leben selbst lässt sich nicht verbiegen. Und nicht zwingen. Wo der Zwang kommt, hört das Leben auf, selbst wenn es manche Menschen nicht mehr wahrnehmen können, weil sie sich von ihrem „natürlichen Wesen“ längst weit entfernt haben und überwiegend nur noch nach festen Schemen funktionieren. Wie schade!
 
Wie dem auch sei, ich bin ein sehr neugieriger und aufmerksamer Schüler, sobald mich was wirklich interessiert. Und so habe ich die letzten Jahre gut gelernt und aufgepasst in der „Hochschule des Lebens“. Denn „as Lem intressiert mi z´doud“, um es in meinem Dialekt zu sagen!
 
So blicke ich wieder mal auf mein Leben. Da waren Phasen mit kärglichsten materiellen Verhältnissen. Meine Vorstellung, das Leben ist eine Dauerübung, mit geringsten Mitteln auszukommen, stellte sich nach einiger Zeit als Erbe der Kriegserlebnisse meiner Eltern heraus. Und doch zeigte es mir, mit wie wenig man auskommen kann, ohne Mangel zu erleiden und zu empfinden.
 
Ich lebe immer noch in „einfachen“ Verhältnissen. Auch wenn ich nicht in materiellen Nöten bin. Ich denke nach über meine Kinder, meine Freundschaften, meine Beziehungen, meine Möglichkeiten, meine Arbeit, wo ich gerade stehe….und ich stelle mit tiefer Dankbarkeit fest, dass ich reich beschenkt bin.. Ich habe 2 gesunde Kinder, Freunde, tiefe und sehr lebendige Kontakte, ein erfülltes Arbeitsleben, das mir vor allemmit meiner therapeutischen Tätigkeit Sinn in meinem Leben gibt. Und ich habe Möglichkeiten ohne Ende.
 
Ich bin in der Lage undhabe totalLust darauf, mein Leben so zu gestalten und zu leben, wie es mir wirklich gut tut! Endlich wieder. Wie ich es als Kind trotz – oder vielleicht gerade wegen – Mangel noch konnte: ich baute mir einfach eine „Burg“ im Wald, die mir die fehlende emotionale Geborgenheit bei der Mutter zumindest teilweise ausglich. Und ich baute zusammen mit Freunden einfach einen Drachen, um auf seinem Rücken die Welt draußen entdecken und erobern zu können, wie es Jungs nun mal so angeboren ist. Dies half uns, auch ohne unsere Väter ein Stück in die Welt rauszukommen.
 
Und immer wieder, wenn ich zuende gedacht habe wird mir klar:
Ich brauche wirklich wenig im Leben…
 
 Wenig, aber davon viel
  

…doch davon reichlich!