In gutem Kontakt mit meinem Inneren Kind, in meiner Mitte und Ruhe, in stimmiger Nähe-Distanz mit Dir, Mutter, fühle ich nur Liebe und Frieden in mir. Ganz still, wohlig und geborgen.
Das tut so gut, Mutter.
Diese Liebe in mir will nichts, ist völlig in Frieden mit Dir und der Welt. Sie will nur, dass es Dir gut geht, wo immer Du auch bist.
Ich spüre Dich, Mutter. Oft mehr, als mir gut tut. Ich spüre, was Du brauchst. Und vergesse dabei, was ich brauche. So hast Du es mich gelehrt. Und in meiner tiefen Kinder-Liebe versuchte ich Dir alles zu geben, was Du Dir so sehr ersehntest.
Nie konnte ich es Dir wirklich geben und Dich nie ein Stück glücklicher sehen.
Jetzt habe ich oft heftige Wehen. Mein Kleiner kommt zur Welt. Immer und immer wieder ein Stück mehr.
Ich spüre ihn manchmal so tief. Er ist reine Liebe! Er liebt Dich zutiefst und ich muss ihm versichern, dass das Leben für Dich sorgt!
Er kann das nicht mehr, denn er muss hinaus ins Leben.
Und er will, dass ich erwachsen werde und gut für ihn sorge auf seinem Weg. Und das braucht viel Zeit und Mühe. Denn entlang dieses Weges stehen Angst und Pein, Verletzung und Schmerz, Mangel, Wut, Elend, Verzweiflung, unerträgliche Leere, grausame Einsamkeit, kalte Verlassenheit, Verlust, Grausamkeiten, Schläge, Krieg… und schwingen ihre Peitschen und Knüppel.
Immer wieder finde ich auf diesem Weg auch tiefste Stille und Frieden. Dann sprechen mein Kind und ich nur über unsere Augen. Der Augenblick dehnt sich ins Unendliche. Ich kann die Tiefe meines göttlichen Kindes spüren. Der Blick in seine Augen lässt die Welt still stehen.
Ich schicke Dir die Liebe, die mein göttliches Kind für Dich empfindet, Mutter. Und ich bete weiter um Heilung und Entwicklung.
Es tut oft weh, wenn ich an Dich denke. In unseren Schmerzen spüre ich die Tiefe unserer Verbundenheit.
Wenn der Schmerz jedoch Schmerz sein darf und sich nirgendwo mehr festmachen muss, wenn alle Schuld verflogen und das Kind mit allem geboren ist, existieren nur noch LIEBE und das reine SEIN!
Ich danke Dir aus tiefstem Herzen für Dich und Deine Liebe, Mutter!
So lasse ich jetzt los. Und bitte um Deinen Segen.

Denn ich muss hinaus in die Welt.
Dein Sohn
07. Januar 2009
Was ich dieses Jahr zu Weihnachten schreibe, mag für manchen sehr befremdend wirken.
Und doch ist es mir ein Anliegen zu schreiben, was in mir ist. Vielleicht fühlt der eine oder andere ja ähnlich.
Weihnachten war für mich immer verbunden mit Gemeinschaft, Freude, Spannung, Christbaum, Kerzen, Geschenke, reichlich Essen…eine fast unwirkliche, phantastische, zauberhafte Zeit und Welt, in die mich die Weihnachtszeit entführte…eine phantastische Winterlandschaft tat ihr übriges dazu…wie selten hatte ich während des Jahres eine solche Zeit und um wie viel kostbarer war sie dann, wenn sie denn endlich da war… welches Kind wurde nicht von Weihnachten zutiefst beeinflusst und geprägt…
Im älter werden wurden mir – ob ich nun wollte oder nicht – auch all die weniger schönen Seiten von Weihnachten bewusst. Vor allem, wie viele Hoffnungen und Erwartungen ich in dieses Fest als Kind steckte, die nie erfüllt wurden. Ich spürte, dass dieses Fest bis auf diese zauberhafte Welt nie wirklich meinen kindlichen Bedürfnissen, v.a. nach Gemeinschaft, gerecht wurde. Und es erzeugte unglaubliche Erwartungen, Druck, emotionales Durcheinander, Traurigkeit und ein Gefühl von tiefer Einsamkeit.
So überlegte ich mir „alle Jahre wieder“, was ich denn nun wirklich möchte, wenn die ganze Welt Weihnachten feiert. Das Alte? Ein „neues“ Weihnachten? Die Kindheit festhalten, an schönen, aber längst vergangen und oft illusionären Gefühlen? Längst war ich viel zu viel desillusioniert. Und doch konnte ich nicht von Weihnachten lassen. Wer lässt sich schon freiwillig so desillusionieren? Vor allem, wenn kein “Ersatz” zur Verfügung steht. Zu sehr hängte sich mein Inneres Kind an dieses Fest.
Inzwischen sind viele Jahre vergangen und es hat sich etwas gelöst und befriedet in mir. Es war wirklich ein langer, beschwerlicher, schmerzvoller Weg. Nun hat Weihnachten für mich seine ursprüngliche, in der Kindheit tief geprägte Bedeutung verloren. Da kommt kein alter Kindheitsschmerz mehr hoch und ich fühle mich endlich frei. Ohne Druck, ohne irreale Hoffnungen, ohne Erwartungen, ohne Stress, ohne Rummel, ruhig, zufrieden, in Frieden. Und zugleich habe ich mehr wirkliche, gelebte Gemeinschaft, als ich sie als Kind hatte.
Das habe ich vielen Gesprächen mit meinem Inneren Kind zu verdanken. Daraus hat sich eine ganz eigene Verbindung in und mit mir selbst entwickelt, die ich nicht wirklich zu beschreiben vermag. Und diese ermöglicht mir auch einen ganz anderen Zugang zu Menschen, als ich ihn bis dahin kannte.
Das Ganze erfüllt mich mit einem Gefühl von tiefer Dankbarkeit und Ruhe.

Nach langen Jahren trägt meine Suche Früchte: meine ganz eigene, Innere Freiheit.
So wünsche ich allen Ihre ganz eigene, Innere Freiheit. Zu tun, was Euch wirklich gut tut. Und zu lassen, was Euch nicht wirklich gut tut.
Besonders jetzt in dieser emotionsgeschwängerten Weihnachtszeit.
In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern eine reiche Zeit, eine eigen-sinnige Zeit, einen schönen Jahresausklang und eine guten Übergang in das neue Jahr!
Herzlichst
Klaus
23. Dezember 2008
Ich bin schon seit Kindesbeinen an ein sehr quirliger, neugieriger und dadurch, dass ich hartnäckig alles wissen und verstehen will, ein eher unruhiger, ungeduldiger, manchmal auch gereizter Mensch. Das brachte mich schon immer mit den Themen Ruhe, Kraft, Gelassenheit und Stabilität in Kontakt.
So bin ich auch z.Zt., v.a. durch die vermehrten Begegnungen mit Menschen, seien es nun meine Klienten, Menschen in Gruppen oder Menschen in meinem privaten Bereich, wieder stark mit diesem Themen konfrontiert.
In meiner Familie herrschte eine gewisse „Stabilität“, vielleicht sollte ich besser „Zucht und Ordnung“ sagen. Ich erlebte diese „Stabilität“ allerdings nicht als fördernd, sondern einengend, beängstigend, erstarrt. Ich war zwar versorgt und soweit von „äußeren Gefahren“ geschützt, einen wirklichen Ruhepol empfand ich aber hier nicht.
In einer in Beton gegossenen „Stabilität“, ist aus meiner Sicht kaum wirkliches Leben im Sinne von Entwicklung und Lebendigkeit, keine Transformation, kaum Bewegung mehr möglich. Nur noch Erstarrung. Das erinnert mich an den vielleicht sarkastisch anmutenden Satz von Osho, der sagt: „Die meisten Menschen sterben schon mit 21, wenn sie Staatsbürger geworden sind. Und lassen sich erst mit 70 eingraben.“. In obigem Sinne erlebe ich das als sehr realistisch. Es erschreckt mich und macht mich traurig.
Ich spüre besonders jetzt, in einer für mich sehr turbulenten Zeit, wieder, wie ich als Kind meinen wirklichen Ruhepol fand: vor allem, indem ich viel draußen in freier Natur war, was mir – den Kräften sei´s gedankt – ganz oft möglich war. Das ermöglicht mir jetzt einen spirituellen Zugang zu Kraftquellen und ich finde meist meine Ruhe und Stabilität bei einem Spaziergang und im Gebet wieder. Und in mir selbst.
Inzwischen lerne ich mehr und mehr, auch bei Menschen Ruhe, Kraft und Stabilität zu finden. Menschen „rauben“ mir diese auch immer wieder und ich beginne zu begreifen, dass durch die dadurch ausgelösten Prozesse „etwas“ in mir versucht, zu lernen und wieder Vertrauen in mich und Menschen zu finden und mein verletztes Inneres Kind in die Gemeinschaft der Menschen zurückzubringen. Und wieder eine natürliche, dem Menschen naturgemäße Ruhe und Stabilität zu bekommen.
Zu Stabilität in diesem Sinne kommt mir der Grashalm in den Sinn:
In Stille ist er einfach nur DA, wächst der Sonne entgegen. Bei leichtem Wind biegt er sich sanft, „in aller Ruhe“ mit einer großen Freiheit und Hingabe in alle Richtungen. Bei Sturm kann er sich auch mal tiefer legen. Er richtet sich danach zwar langsamer, aber doch wieder auf. War der Wind so stark, dass der Halm geknickt ist, wächst und lebt er selbst in dieser Haltung weiter.
Wächst er in Gemeinschaft mit anderen Halmen, wie es den Grashalmen so zu eigen ist, stützt er diese durch seine eigene Stabilität und bekommt von diesen auch seinerseits Unterstützung.
Seinen Halt und seine Nahrung bekommt er über seine Wurzeln, bei „Großmutter Erde“. Seine Kraft bekommt er über seine Fähigkeiten zur Transformation durch Photosynthese bei „Großvater Sonne“.
Wie immer der Wind auch weht, nichts kann ihn von seiner Aufgabe, zu wachsen und Frucht zu bringen, abhalten. Er ist in sich, im Kontakt mit „den Kräften“ und der Gemeinschaft stabil, wie stark die Stürme draußen auch toben mögen.

Ich wünsche mir die Stabilität eines Grashalms und das Leben auf einer bunten Wiese. Den Duft und die Farben der Blumen, das turbulente Flattern der Schmetterlinge und das Zirpen der Grillen, die alle Platz haben in dieser Wiesengemeinschaft stabiler Halme, die sich gegenseitig halten und bereichern.
01. November 2008
Immer wieder stellt sich bei der Arbeit mit dem IK die Frage:
Wie erkenne ich mein Inneres Kind (IK) im Alltag?
Neben den angenehmen „Erscheinungsformen“ des (unverletzten) IK wie Kreativität, Spontaneität, Neugier und Freude, die einem meist gar nicht so stark auffallen (weil angenehm), gibt es da so einige eher “unangenehme Seiten“ des (verletzten) IK, die zwar sehr stark in ihren Auswirkungen sind und eigentlich leicht wahrgenommen werden könnten, bei denen wir jedoch gar nicht auf die Idee kommen, sie könnten von unserem IK stammen.
Einige davon sind unsere ganz tiefen Ängste, Verzweiflung, Resignation und Hoffnungslosigkeit.
Diese Gefühle sind oft so stark, dass wir gar nicht mehr realisieren, dass es da in uns auch noch einen Erwachsenenanteil gibt, der ganz real für das IK, das diesen starken Gefühlen ausgesetzt ist, sorgen könnte. Wir sind oft wie „ferngesteuert“ von diesen starken Bewegungen in uns.
Da wir gar nicht erst auf die Idee kommen, da könnte „nur“ ein Kindteil in uns aktiv sein, identifizieren wir uns voll und ganz mit diesem leidenden Kindteil und seinen Gefühlen und werden gleichsam zu diesem Kind. Das kann selbst nicht erkennen, dass es nicht mehr hilflos wäre, würde der Erwachsene ihm zu Hilfe eilen. Es erlebt sich in seiner als Kind real erlebten Hilflosigkeit wieder.
Der Erwachsene könnte es tatsächlich aus seiner Hilflosigkeit retten, wenn er etwas Abstand zu diesen oft sehr starken Gefühlen halten, diese Gefühle als die seines IK identifizieren und somit für es sorgen könnte. Kann er aber nicht, wenn ihn die Gefühle zu stark überfluten.
Stellen Sie sich vor, sie würden als Vater oder Mutter so bei Ihrem Kind aus Fleisch und Blut reagieren:
Hätte es sich weh getan, Sie würden schmerzlich mitweinen. Würde es zitternd aus einem Alptraum aufwachen, sie würden voller Angst mitzittern. Würde es aus Angst vor einem großen Hund schreien, sie würden zutiefst geängstigt mitschreien. Würde es in Resignation bei schlechten Noten versinken, sie würden den Kopf tief hängen lassen. Würde es sich völlig einsam und verlassen fühlen, sie würden in tiefe Depressionen fallen. Würde es handlungsunfähig vor einer Situation stehen, sie würden hilflos daneben stehen.
Sie wären so ihrem Kind keine Hilfe, da Sie sich nicht von ihm und seinen Gefühlen unterscheiden könnten und somit in die Hilflosigkeit des Kindes sinken und als Vater oder Mutter völlig ausfallen würden..
Das passiert Gott sei Dank bei den realen Kindern nicht so sehr, doch sind auch hier solche „Ausfalltendenzen“ festzustellen.
Bei unseren IK ist dies jedoch an der Tagesordnung: wir können uns als erwachsene, gereifte Menschen oft nicht mehr von re-aktivierten Gefühlen unserer Kindheit zumindest ein wenig distanzieren und so auch kein IK erkennen. Denn wir sind zu ihm geworden und im Schmerz und in der Unbewusstheit des Kindes verloren gegangen. Manchmal helfen da nur noch andere Menschen im Außen, die uns voller Verständnis liebevoll „auf der Kindebene versorgen“, bis wir wieder unterscheiden und unser IK als Erwachsene selbst in die Arme schließen können.
Wesentlich für das Erkennen und damit die Annahme unseres IK ist also, dass wir die Tatsache unserer Verletzungen in der Kindheit und die Existenz aller daraus resultierenden „unangenehmen Gefühle“ akzeptieren können.
So sind wir unserem IK in Krisenzeiten, wenn´s also weh tut, unangenehm wird, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit sich breit machen, so nah, wie sonst selten. Genau das sind die Phasen, wo wir besonders lernen können, es zu erkennen und für es da zu sein. Will ich aber keine ”unangenehmen” Gefühle haben, ist es, als lehnte ich mein IK ab und kann es so auch unmöglich erkennen, geschweige denn für es sorgen.
Doch das sollten wir, am besten im Besten im täglichen Austausch, auch „bevor´s brennt“.
Also, halten Sie sich ganz besonders in Krisenzeiten „selbst die Stange“! Gerade hier zeigt sich Ihr IK und braucht besonders viel Verständnis, Wärme, Liebe, Zuwendung. Vermeiden Sie besonders in Krisenzeiten Abwertungen, Druck, Grobheiten (auch in Ihren Worten!) und Leistungsanforderung Ihnen selbst gegenüber (das sollten Sie natürlich immer tun!). Denn das IK erlebt seine tiefsten Ängste noch einmal und möchte endlich gesehen, angenommen und geliebt werden. Von IHNEN! Dem ERWACHSENEN! Sie können sich ausnahmsweise ja auch mal einen „Babysitter“ holen, wenn´s Ihnen gar zuviel wird, das wird Ihnen Ihr IK nicht verübeln
!
Es ist wahrlich eine sehr große Herausforderung, dem IK in Krisenprozessen wirklich gerecht zu werden. Der Lohn dafür ist ein lebensfrohes, kreatives und begeisterungsfähiges IK.
Ich wünsche jedem viel Geduld, Liebe und Erfolg bei der Selbstannahme seines IK, vor allem da, wo´s weh tut!
28. August 2008
In der Nacht vom 31.12.07 auf den 1.1.08 trifft wieder ein altes Jahr auf ein neues. Ein Mann trifft auf eine Frau, ein Lehrer auf Schüler, die Weißen treffen auf Indianer, Missionare auf Schwarze, ein Kind trifft auf einen Hund….
Was passiert in solchen Augenblicken, in denen zwei fremde Welten aufeinandertreffen?
Diese Fragen kamen mir heute morgen in den Sinn, als ich über den Jahreswechsel nachdachte.
Trifft das alte Jahr auf das Neue, treffen nur zwei willkürlich festgelegte Einheiten, nämlich in Jahre aufgeteilte Zeitabschnitte aufeinander. Doch was verbinden wir als Menschen innerlich damit?
Was passiert, wenn zwei Menschen, zwei lebende Welten aufeinander treffen? Was „denkt“ das Gehirn, welche Gefühle löst die Begegnung in uns aus, wie reagiert der Körper? Und was bekommen wir davon überhaupt mit? Und was von der anderen Welt?
Wann treffe ich wirklich auf mich selbst, der „fremden Welt“ in mir? Wann begegne ich wirklich MIR SELBST? Was passiert dann? Woran erkenne ich es? Sofort frage ich mich, wer eigentlich bin denn ICH SELBST?
Die Fragen werden immer mehr und mein Gehirn scheint diesem Ansturm von Fragen nicht gewachsen zu sein. Zudem produziert es diese ja noch selbst! Wozu macht es das? Und schon wieder bin ich mitten drin in diesem Kreislauf von Fragen und Antworten. Scheinbar sinnlos.
Und doch schimmert manchmal bei Windstille durch die beruhigte Oberfläche dieses Meeres von Gedanken, Fragen und Antworten der Meeresgrund hindurch. Es ist mehr ein Erahnen, denn ein Erkennen, eine Mischung zwischen Wissen, Fühlen, Erfahrung und Intuition.
Dann meine ich etwas auf dem Grunde zu sehen:
als Menschen sind wir in der Begegnung mit einer anderen Welt, sei es nun ein anderer Mensch, ein anderes Land oder wie jetzt ein Neues Jahr, ständig von Wünschen, Sehnsüchten, Forderungen, Vorstellungen, Ängsten, Projektionen, Interpretationen…begleitet, die es uns fast unmöglich machen, die andere Welt, die anderen Menschen so zu lassen, wie sie sind. Sie so zu erleben und sie genauso zu genießen. Es ist fast unmöglich für uns, sie so fremd und völlig anders sein zu lassen, sie nicht mit „Harmonisierungs- und Missionierungsbestrebungen“ zu überprägen und letztlich zu ersticken. Wir wollen „vertraut“ mit ihnen werden, indem wir versuchen, unser Weltbild auf sie zu projezieren. Bis nichts mehr von den fremden Welten übrig ist. Statt sie „fremd“ sein zu lassen.
WIE fremd diese andere Welt in Wirklichkeit oft ist, wie unergründbar, wie unfassbar, wie sehr viel anders als wir erwarten, meinen und fühlen, wird uns oft erst bewusst, wenn Probleme auftauchen. Zum Beispiel, wenn ein Paar sich trennt. Und wie groß ist dann der Schock, die andere Welt wieder als so anders und fremd zu erkennen. Als das, was uns zu Beginn der Beziehung so faszinierte.
„Das hätte ich nicht von Dir gedacht!“ sage ich dann mit Schrecken über eine „plötzliche Erkenntnis“ über den anderen. Ja, und genau das ist das Problem, dass ich eben nur das über den anderen dachte, was ich denken wollte. Das andere ging irgendwie in mir verloren oder erreichte mich erst gar nie. Wie unglaublich schade!
Ja, die Begegnung eines kleinen Kindes mit einem Hund mag da wirklich noch anders sein: unbedarft, neugierig, unvoreingenommen, erforschen wollend, berühren wollend, offen, „leicht-sinnig“…! Wie schön! Wie einfach! Wie lebendig! Keiner der beiden versucht, den anderen zu verändern – und trotzdem gehen beide ein wenig verändert und reicher aus der Begegnung heraus.
Ich wünsche uns, dem Neuen Jahr mit kindlicher Unbedarftheit, Neugier, Offenheit und Freude begegnen zu können. Und auch den Menschen, die dieses Jahr unsere Wege kreuzen werden. Ohne etwas verändern zu müssen – außer uns selbst, wenn wir es denn wollen.
Ein GUTES NEUES JAHR voll reicher Begegnungen mit fremden Welten!

29. Dezember 2007
Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Die Tage um Weihnachten werden als die besinnlichen Tage bezeichnet.
Als Kind hatte ich wie eh und je in dieser Zeit Ferien. Ich war meistens draußen, in der Natur, Schlitten- oder Schlittschuhfahren. Oder ich entdeckte allerhand in der abenteuerlichen Winterlandschaft. Das brachte mich „zur Besinnung“, zur Ruhe, zu Sinnlichkeit, zu Sinnhaftigkeit, zu meinen Sinnen…ich war „voll bei Sinnen“, ohne dass ich auch nur einen Gedanken daran verlor. Ich machte, was für mich Sinn macht, ohne mir darüber bewusst zu sein. Zeit hatte dabei keine Dimension. Langeweile gab es draußen in freier Natur für mich nicht.

In der zeitlosen Unendlichkeit des Augenblicks Sinn – Volles tun! Was für eine Lebensqualität!
„Irgendwas“ in mir beschloss damals als Kind wohl, sich dies zu erhalten. So komme ich nach vielen Jahren und vielen Umwegen, in denen ich „das Leben“ kennen lernte, langsam wieder beim mir an. Das, was mir von der besinnlichen Zeit als Kind geblieben ist, ist das sinnerfüllte Leben im Augenblick. Hier in der Stille des Dobls, in der die Zeit für mich tatsächlich meist keine Rolle mehr spielt. Ich habe sie einfach, wie Luft zum Atmen. Und trotzdem schaffe ich alles, was zu tun ist. Die Trennung zwischen „Zeit haben“ und „Arbeiten“ verliert sich mehr und mehr. Weil ich mache, was für mich Sinn macht. So habe ich im Grunde immer Zeit.
Ich möchte zu den besinnlichen Tagen und zum Jahreswechsel allen, an erster Stelle meinen zwei Töchtern, meinen Klienten, Freunden, Männern, Frauen… allen Menschen in meinem Leben ein ganz HERZLICHES DANKE sagen. Für die sinnhaften und sinnesvollen Augenblicke und Begegnungen, die ich in dem verklingenden Jahr mit Euch haben durfte.
Was ich uns wünsche ist Besinnlichkeit, wie wir sie alle als Kinder noch kannten, die wirklich sinnlich, sinnvoll ist, in der man “bei Sinnen” ist, in der die Zeit sich auflöst, in der Neues wachsen kann, in der man SEIN kann, was man IST…in der man sein „wahres Wesen“ leben kann… um langsam wieder dort anzukommen, wo man mal war: bei sich SELBST!
Ich wünsche allen Besinnliche Feiertage und ein Gutes Neues Jahr!
Herzlichst
Klaus
20. Dezember 2007
Ich sitze wie fast jeden Morgen bei einer Tasse Kaffee an meinem Ofen und schreibe. Die Strahlung des Ofens wärmt mir meinen Rücken und gibt mir ein wohliges Gefühl von Geborgenheit.
Es ist, als rede ich mit mir selbst, wenn ich schreibe. Ich unterhalte mich mit mir, mit meinen vielen Stimmen in mir, die alle mitreden wollen, die alle was zu sagen haben. Die alle wichtig sind.
Vor allem die Stimmen meiner „Inneren Kinder“ sind oft da, manchmal ganz still und leise, piepsend und kaum zu erlauschen, manchmal laut und aufdringlich, ängstlich, schreiend, kaum zu ertragen…
So habe ich immer alle Hände voll zu tun mit mir und meinem Leben.
Ich sehe mein Leben inzwischen wie ein Studium. Es gibt viele theoretische Semester, in denen ich vor allem vor mich hinstudiere, grüble, lese, wie denn das eine und wie das andere gut zu machen sein könnte.
Zur Zeit ist wieder mal „Mutterheilkunde“ dran. Wie oft dieses Fach in meinem „Leben nach der Kindheit“ nun schon dran war! Die ersten male mit fast unerträglicher Heftigkeit. In der Wiederholung dann noch immer sehr intensiv. Wir Männer haben zu diesem Fach ja eine ganz besondere Beziehung. Sind wir doch vom „anderen Geschlecht“ geboren und überwiegend großgezogen worden. Unser eigenes müssen wir erst im Lauf der Jahre noch finden.
Jetzt hab ich langsam meine Neugier an diesem Fach entdeckt und es wird spannender und zugleich ruhiger.
Auch andere Themen verlieren langsam an Heftigkeit und „befrieden“ sich. Die Stille in mir jetzt war der Mühen zuvor wirklich wert. Hier in der Stille ist Raum, in dem Neues wachsen darf. So wie ich es mir schon lange wünschte.
Neben den theoretischen Semestern sind da natürlich noch sehr viele praktische. Die haben es besonders in sich. Und theoretische und praktische Semester sind zeitlich oft völlig ineinander verwoben, wechseln stündlich und schneller.
Kann man sich die Realität in den theoretischen Semestern noch ganz gut so hinbiegen, wie man das gerne hätte, fällt man damit in den praktischen Semestern oft ziemlich auf die Nase. Kann „der Kopf“ in seinen Vorstellungen über das Leben noch so manches hinbiegen, stellt man in der Praxis fest: das Leben selbst lässt sich nicht verbiegen. Und nicht zwingen. Wo der Zwang kommt, hört das Leben auf, selbst wenn es manche Menschen nicht mehr wahrnehmen können, weil sie sich von ihrem „natürlichen Wesen“ längst weit entfernt haben und überwiegend nur noch nach festen Schemen funktionieren. Wie schade!
Wie dem auch sei, ich bin ein sehr neugieriger und aufmerksamer Schüler, sobald mich was wirklich interessiert. Und so habe ich die letzten Jahre gut gelernt und aufgepasst in der „Hochschule des Lebens“. Denn „as Lem intressiert mi z´doud“, um es in meinem Dialekt zu sagen!
So blicke ich wieder mal auf mein Leben. Da waren Phasen mit kärglichsten materiellen Verhältnissen. Meine Vorstellung, das Leben ist eine Dauerübung, mit geringsten Mitteln auszukommen, stellte sich nach einiger Zeit als Erbe der Kriegserlebnisse meiner Eltern heraus. Und doch zeigte es mir, mit wie wenig man auskommen kann, ohne Mangel zu erleiden und zu empfinden.
Ich lebe immer noch in „einfachen“ Verhältnissen. Auch wenn ich nicht in materiellen Nöten bin. Ich denke nach über meine Kinder, meine Freundschaften, meine Beziehungen, meine Möglichkeiten, meine Arbeit, wo ich gerade stehe….und ich stelle mit tiefer Dankbarkeit fest, dass ich reich beschenkt bin.. Ich habe 2 gesunde Kinder, Freunde, tiefe und sehr lebendige Kontakte, ein erfülltes Arbeitsleben, das mir vor allem mit meiner therapeutischen Tätigkeit Sinn in meinem Leben gibt. Und ich habe Möglichkeiten ohne Ende.
Ich bin in der Lage und habe total Lust darauf, mein Leben so zu gestalten und zu leben, wie es mir wirklich gut tut! Endlich wieder. Wie ich es als Kind trotz – oder vielleicht gerade wegen – Mangel noch konnte: ich baute mir einfach eine „Burg“ im Wald, die mir die fehlende emotionale Geborgenheit bei der Mutter zumindest teilweise ausglich. Und ich baute zusammen mit Freunden einfach einen Drachen, um auf seinem Rücken die Welt draußen entdecken und erobern zu können, wie es Jungs nun mal so angeboren ist. Dies half uns, auch ohne unsere Väter ein Stück in die Welt rauszukommen.
Und immer wieder, wenn ich zuende gedacht habe wird mir klar:
Ich brauche wirklich wenig im Leben…
…doch davon reichlich!
23. November 2007
Ein Sprichwort sagt: „So wie man in den Wald schreit, so schreit es zurück!“
Anders gesehen: „So wie ich ins Leben schaue, so schaut es zurück!“
Schaue ich auf die liebevollen Seiten von Menschen, sehe ich mich von lauter liebevollen Menschen angeschaut. Sehe ich lieber mit Gram und Ablehnung die unangenehmen Seiten der Menschen, sehe ich mich von lauter unangenehmen Gesellen umgeben. Die Welt ist ein Spiegel meiner inneren Gedanken und Vorstellungen. Sie zeigt mir, was in mir ist. Meine innere Haltung der Welt gegenüber.
Pippi Langstrumpf wußte das schon lange: „2 mal 3 macht 9..widewidewid und 3 macht 10..ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt!“
Sie pfeift auf das, was ihr manche Leute darüber zu vermitteln versuchen, wie sie die Welt zu sehen hat. Sie „macht“, das heißt sie tut was! Aktiv, von sich aus, weil sie will. Und sie macht, was ihr gefällt. Woran sie Gefallen findet. So, dass sie in einer schönen, lebendigen, lustigen und bunten Welt lebt. So wird sie auch von einer schönen, lebendigen, lustigen und bunten Welt empfangen. Sie gibt ihre Aufmerksamkeit auf das, was ihr gefällt.
Das heißt nicht, dass das, was ihr nicht gefällt, nicht existiert, doch sie gibt dem einfach keine Aufmerksamkeit, keine Energie.
Das heißt auch nicht, dass sie sich in eine irreale Welt flüchtet wie ein Drogenabhängiger. Sie fördert lediglich die realen und wirklich vorhandenen Möglichkeiten, das Leben zu sehen, so wie es IHR gefällt.
Die Gehirnforschung weiß: “Das, womit man das Hirn füttert, gibt es wieder!“ Eigentlich total banal und logisch! Und doch so tiefreichend und wenig beachtet.
Wenn mir also etwas nicht gefällt, tue ich gut daran zu suchen, WAS mir gefällt und das erstere einfach zu lassen, nicht ständig meine Hirn damit zu füttern. Und mich mit dem, was mir gefällt zu „umgeben“.
Pippi ändert also nicht die Welt im Außen, sondern ihren Blickwinkel darauf. Damit sie DEN Aspekt des Lebens besser „im Auge behalten“ kann und somit fördert, der IHR gefällt.
Wie unglaublich einfach!
Prinzipiell. Das kleine Kind macht sich die Welt nämlich noch nicht so, wie sie ihm gefällt, sondern wie die wichtigsten Bezugspersonen sie sehen und bewerten. Es sieht und erlebt die Welt sozusagen aus den Augen und den Gefühlen der Bezugspersonen. Wenn diese also bevorzugt auf die Aspekte schauen, die ihnen nicht gefallen, wird das Kind dies mehr oder weniger so übernehmen. Den zeitungslesenden Vater, der ständig über die Politiker, Gott und die schlechte Welt schimpft und die Mutter, die ständig über den abwesenden Vater nörgelt.
So muss man überhaupt erst einmal begreifen, dass es da auch noch was anderes gibt/geben darf, als die stark verinnerlichte Erlebensweisen der Eltern und anderer Erwachsener, die einem gar nicht gefallen haben. Man braucht dazu immer wieder mal Menschen, die eben auch DIE Aspekte vorleben, die einem gefallen. Dann kann dieses „Reframing“, wie diese Blickwinkelveränderung im therapeutischen Rahmen bezeichnet wird, eine unglaubliche Wirkung entfalten.
Wie tief dies gehen kann, konnte ich gestern auf dem Unternehmerinnentag in Freyung spüren.
Eingefärbt durch meine Beziehungen als Junge zu meiner Mutter und meinen 5 Schwestern sah ich mich zunächst nur „umgeben von lauter Frauen“, die für mich in dieser „Masse“ nicht wirklich einzuschätzende, vielleicht bedrohliche, zumindest für mich als Mann noch immer sehr „fremdartige Wesen“ darstellten. Durch die vielen herzlichen Einzelkontakte und offenen Gespräche änderte sich mein Blickwinkel langsam und ich konnte plötzlich den Aspekt von Frauen spüren, den ich an Frauen sehr achte und schätze: die Fähigkeit und „soziale Kompetenz“, eine Atmosphäre von Getragensein, Geborgenheit, Annahme, Wohlwollen, Unterstützung… schaffen zu können.
Und schon schaute mich die Welt aus den Augen der Frauen an, wie es mir als Junge bei meiner Mutter gut getan hätte. Gerade in einer für meinen Kindanteil so beängstigenden Situation wie einem öffentlichen Vortrag, den ich auf dieser Veranstaltung gehalten hatte, tat mir diese weiblich-herzliche Atmosphäre einfach gut.
Meinen herzlichen Dank an all die Frauen, die mein Inneres Kind dadurch ein Stück reifen ließen.
Und auch an die Männer in meinem Leben, die mir auf ihre männliche Art und Weise ein Stück mehr ermöglichten, die Welt mit Augen zu sehen,

„…widewide wie sie mir gefällt!“
07. Oktober 2007
Die ersten Zeichen des Herbstes haben sich wieder untrüglich in die Landschaft eingeprägt: die langsam farbig werdenden Blätter an den Bäumen, die lautlos und fast unsichtbar gewordenen Vögel, das geheimnisvolle Licht der Sonne, die Stille und Kühle der Morgendämmerung, die Wolkenbilder am Himmel, die ersten Herbstnebel im Tal, die taubenetzten, glänzenden Spinnweben in der Morgensonne…

Sie haben auch Einzug gehalten in meine innere Landschaft. Die Wogen des Sommers glätten sich langsam. Stille, Tiefe, Melancholie und auch das Gefühl von Einsamkeit sind wieder eingekehrt in die geheimnisvolle und unergründliche Landschaft meines Herzens.
Ich hatte dieses Jahr um viele und tiefe Begegnungen gebeten. Und wurde reich beschenkt. So reich, dass erst mein Sturz von einem Stiegengeländer mir bewusst machte, dass alles zuviel sein kann, sogar das Schöne. Es will erst „verarbeitet“, modifiziert, aussortiert, gelagert, integriert sein. Wie die Ernte von den Feldern. Bevor die Hitze des nächsten Sommers wieder neue Früchte bringen kann.
Es fällt mir – wie so vielen anderen auch – nicht leicht, die Stille und Tiefe des Herbstes nach einem bewegten, turbulenten Sommer anzunehmen. Mir Zeit dafür zu nehmen. Und das meist innewohnende Gefühl von Einsamkeit darin als wesentlichen Teil von mir selbst zu begrüßen.
Und doch entscheidet es darüber, ob meine Eindrücke wirklich verarbeitet und integriert werden, tiefe innere Beständigkeit erhalten. Ich so fortwährend aus dieser Erfahrung und Quelle in mir schöpfen kann.
Oder ob das meiste nach einem kurzen Aufflackern wieder in der Oberflächlichkeit des Alltags wie eine Eintagsfliege erlischt.
Obwohl mich die Stille, Tiefe, Abgeschiedenheit, die vielen sonnenlosen Wintertage, diese „einsame Schönheit“ im Dobltal manchmal auch sehr bedrücken, ist es doch genau diese Qualität, die mich nach einem erlebnisreichen Sommer langsam wieder zu mir kommen lässt.
Was der Herbst und Winter im Jahr sind, ist beim Tag der Abend. Oder wie bei mir, der noch dunkle Morgen.
Bin wieder eingetaucht in die Nachdenklichkeit und Melancholie, in die stille See des Herbstes. Wie jedes Jahr. Bis die nächste Meereswoge mich wieder aus meinem In-mich-gekehrt-sein reißen wird und mich zwingt, mich den unmittelbaren Anforderungen des Lebens zu stellen.
Ich wünsche jedem die Zeit und die Entscheidung für sich, um diese stille Tiefe in sich erleben zu können. Vielleicht bei tröpfelnder Musik und einer heissen Tasse Tee. Den Blick in die innere Ferne schweifend…
Um Ernte zu halten. 
14. September 2007
Forum wider die innere Vereinsamung und für die Stärkung und Entwicklung von Männern
1. Die Gemeinschaft braucht reife und liebende Männer
Bereits in anderen Artikeln schrieb ich über meine leid- und lustvollen Erfahrungen als Mann. Im Mai dieses Jahres schloss ich meine Ausbildung zum „Initiatorischen Friedensarbeiter für Männer“ nach Gregory Campbell – seit vielen Jahren initiatorischer „Männerarbeiter“ aus Amerika und inzwischen Zenmönch“ – ab.
Mit neuen Impulsen aus dieser Ausbildung und meinem Erfahrungsschatz als Mann bin ich nun nach einer schöpferischen Pause bezüglich Männerarbeit dabei, anderen Männern ein Forum für ihre eigene Entwicklung als Mann anzubieten.
Ich teile folgendes Gefühl inzwischen mit mehreren Männern:
es ist an der Zeit und dringender denn je, dass wir Männer wieder unseren naturgegebenen Platz in der Gemeinschaft einnehmen! Ohne reife und liebende Männer, jenseits ihrer aus kindlichen Verletzungen geborenen Egogefühlen und Egoverhaltensweisen, kann eine Gemeinschaft auf Dauer nicht bestehen.
2. Die Herausforderung: im „Ur-Wald des Mannseins“
Meine eigene Erfahrung:
Es ist eine immense Herausforderung, sich auf den Weg zu einem reifen und liebenden Mann zu machen. Sich in den „Ur-Wald“, den „Ur-Zustand des Mannseins“, zu begeben.
Es gehört wohl dazu, sich immer und immer wieder in diesem unendlichen „Ur-Wald“ an Gefühlen, Verletzungen, Ängsten, Unsicherheiten, Schwächen, Mustern, Abwertungen, Abwehr, Konkurrenzgedanken, Glaubenssätzen, Vorstellungen, Gewohnheiten, Überheblichkeiten, Wünschen, Bedürftigkeiten, kindlichen Verhaltensweisen, Trieben…zu verlaufen, nicht weiterzuwissen, scheinbar festzusitzen, sich (in seiner gesamten Existenz) bedroht zu fühlen oder sich nur im Kreise zu bewegen, völlig hilflos den „Umständen“ ausgesetzt sich zu erleben, schier zu verzweifeln…
Oft bleibt einem nix mehr anderes übrig, als einfach weiterzulaufen, obwohl völlig orientierungslos. Oder einfach in der Resignation zu verweilen. Bis der nächste Impuls folgt.
Mann o Mann, was für ein Wahnsinn!
Einmal in den „Ur-Wald“ gelangt, verändert das ein Männerleben erheblich und unwiderruflich. In einer Krise möchte „Mann“ ja, dass sich was verändert. Möglichst schnell – damit das innere Chaos aufhört! Die Angst vor der Veränderung ist jedoch meist genauso groß! „Mann“ will eigentlich, dass das Alte wieder kommt. Doch das ist ein für allemal vorbei. Es ist endgütig an der Zeit, die Kindheit sterben zu lassen und erwachsen zu werden. Irgendwann gewöhnt „Mann“ sich daran und will tatsächlich nicht mehr zurück…
„Umwege erhöhen die Ortskenntnisse“. Dieser Satz beschreibt wohl am besten den Sinn dieses oft jahrelangen, sinnlos erscheinenden Prozesses des „blinden Umherirrens“.
Ich muss den „Ur-Wald“ erst kennen lernen, um mich in ihm zurechtzufinden. Oft alleine, oft mit anderen Männern. Ich werd ihn nie ganz kennen. Mein Wissen über ihn wird immer relativ sein. Er ist einfach endlos und verändert sich ständig.
Doch irgendwann kannte ich mich in ihm gut genug aus, um einen Umgang mit und ein Leben in ihm gefunden zu haben. Dachte ich zumindest. Dann doch wieder nicht.
„Es“ ist unberechenbar. Entzieht sich meiner ach so gewohnten, kopfgesteuerten Logik und Berechnung.
Und doch: dieser „Ur-Wald“, der mir zuvor fremd, entsetzlich beängstigend und bedrohlich erschien, ist mir jetzt schon eher vertraut und Heimat. Ich kann seine Früchte, seinen Schutz, das Erleben von Geborgenheit und Gemeinschaft in ihm, sein ausgleichendes und nährendes Klima, seine Leichtigkeit auf großen sonnenbeschienenen Lichtungen, seine Fülle, seine Vielfalt, seine Verspieltheit, seine pure Lebendigkeit, Lust und Intensität…langsam genießen. Mehr und mehr.
3. Die zweite Geburt für Männer: Ablösung von der Mutter
Um ein reifer, liebender Mann zu werden, braucht es ganz männereigene Entwicklungsprozesse. Denn wir Männer haben uns mit einem ganz speziellen Thema herumzuschlagen:
erleben wir uns mit der fast ausschließlichen Versorgung als kleiner Junge durch unsere Mutter (bestenfalls Mutterbrust, körperliche und emotionale Zuwendung) meist noch in einigermaßen natürlichen Verhältnissen, wird es mit steigendem Alter immer schwieriger: die (emotionale) Versorgung und liebevolle Führung durch den Vater fehlt! Ohne den Vater oder andere erfahrene Männer ist die Ablösung von der Mutter nicht möglich.
Stämme längst vergangener Zeiten wussten:
Ein mann wird nur durch MÄNNER zum MANN!
Bleiben Mädchen ihrer Natur nach beim selben Geschlecht, von dem sie geboren und (emotional) genährt wurden, also bei den Frauen, müssen wir Männer von Natur aus einen Wechsel zu den Männern, eine „Zweite Geburt“ vollziehen.
Eine wirklich vollständig durchlebte Ablösung von der Mutter unterscheidet den MANN vom mann, vom „Großen Jungen“.
Um als Mann überhaupt das (natürliche) Bedürfnis zur Ablösung wahrnehmen zu können, braucht es erst einmal eine eigene „Idee“ davon! Dann die Bereitschaft, etwas verändern zu wollen.
4. Nicht abgelöste Männer: frauenorientiert und männermeidend
Die nicht vollzogene Ablösung von unserer Mutter und die (emotional) weitgehende Abwesenheit unseres Vaters und anderer Männer lässt uns bzgl. Gefühlen stark frauenorientiert und anderen Männern gegenüber eher vorsichtig und taktierend werden.
Wir teilen Emotionalität – wenn überhaupt – weitgehend nur mit Frauen, haben kaum emotionale Erfahrungen im Kontakt mit Männern und somit kaum Vertrauen zu ihnen. Wir begegnen Männern eher als Konkurrenten, statt als Verbündeten unseres eigenen Geschlechts.
Wir können somit von selbst meist nicht nachvollziehen, warum wir überhaupt von Männern (emotionale) Unterstützung brauchen sollten. Und so suchen wir sie erst gar nicht!
Der „Einsame Wolf“ geht weiter alleine seiner Wege!
Erschwerend kommt hinzu:
Durch unsere enge Beziehungsgestaltung zur Partnerin/zu Frauen und die starke zeitliche und energetische Vereinnahmung durch unsere Arbeit, bleibt uns – zumindest innerlich – gar kein Raum mehr für uns selbst. Das „passiert mit unabsichtlicher Absicht“: wir suchen (zunächst) gar keine Veränderung.
5. Ablösungskrise
Doch „die innere Natur des Mannes“ ist sehr oft stärker:
Aus dem natürlichen Ablösebestreben des Mannes von der Mutter resultiert unbewusst ein innerer Rückzug von der Partnerin/von Frauen. Der Wunsch nach sexueller Begegnung mit Frauen geht mehr und mehr ohne innere Nähe zur Frau einher und dient eher der sexuellen Befriedigung. Das fehlende Vertrauen zu Männern und fehlende Freundschaften lassen schließlich viele Männer auch innerhalb einer Partnerschaft mehr und mehr vereinsamen. Das lässt sich auch nicht durch eine „Neue“ oder die eine oder andere Liebhaberin vermeiden.
Letztlich führt dieser Prozess zu ernsthaften Krisen und darin zeigt sich dann die ganze Einsamkeit von uns Männern und unsere Hilflosigkeit im Umgang mit Gefühlen und mit unserer Rolle als Mann besonders deutlich. Das alte Männerweltbild zerbricht in tausend Teile. Und kein neues ist in Sicht!
Viele Männer machen besonders nach der ersten großen Trennungskrise zunächst einen auf „Hänschen klein, ging allein…“, um zuletzt wieder zur „weinenden Mutter“ heimzukehren. Das Spiel beginnt von vorne…
Dies gilt es erst einmal zu erkennen. Nicht ganz leicht. Und dann die Spielregeln zu verändern. Echte „Knochenarbeit“.
Das was Männer aber auch ganz gut leisten können!
6. Was ist männlich? Männliche Archetypen
Muss ich denn als Mann alles alleine probieren oder kann ich aus der Erfahrung anderer Männer schöpfen?
Wie machten es denn die Männer vergangener Jahrtausende? Als Ritter, Krieger, Könige, Helden, Tyrannen, Ehemänner, Väter, Liebhaber, Bauern, Handwerker…? Wie ging es ihnen dabei?
Wir tun gut daran, unseren Ururahnen „auf die Schliche zu kommen“. Auch diese waren einst reale Männer aus Fleisch und Blut und prägten unser „Mannsein“ mit.
Das bringt uns zu den männlichen „Archetypen“.
Das sind sozusagen „die essentiellen Extrakte“ aus sämtlichen Lebenserfahrungen und Verhaltensweisen aller Männer, die jemals auf dieser schönen und weniger schönen Erde ihr Leben als Männer gelebt oder auch eher vermieden haben.
Also das, was an der Art als Mann zu leben typisch war und ist. Das, was das Leben von Männern seit Jahrtausenden im Wesentlichen ausmacht(e).
Ob man diese Art zu leben/gelebt zu haben nun als gut oder schlecht bewertet.
Diese „essentiellen Männerlebensextrakte“ ordnet man den 4 männlichen Archetypen zu. Als da sind: der Krieger (Kämpfen, Siegen..), der Liebhaber (Frauen, Sexualität..), der König (führen, herrschen..), der Magier (Wissen, Weisheit, Erfahrung..). Jeder Mann hat unabhängig von seiner sozialen Stellung das Potenzial aller 4 Archetypen in sich. Mit individuellen Schwerpunkten. Und meist einem großen Maß an Ungleichgewicht.
Ihre Erfahrungen haben all diese Männer – auch unsere Väter und wir selbst – in einer Art „kollektivem Bewusstsein“, einem „geistig-seelischen Internet“, in der „Arche Noah“ auf irgendeine geheimnisvolle Art und Weise abgespeichert und überliefert.
Zugang zu diesem „kollektiven Bewusstsein“, zu diesem „Lebenserfahrungsschatz“ all unserer Väter und Vorväter hat „mann“ meist nur unbewusst, z.B. in Träumen, auch in Rauschzuständen oder bei Fieberkrankheiten.
Und noch ganz unmittelbar als kleine Jungs!
7. Eigen-Sinn und Führung
Auch so mancher „alte Mann“ weiß um diese Archetypen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass junge Männer, die nicht mehr innerhalb eines (natürlichen) Führungsrahmens durch andere Männer aufwachsen (fehlende Väter oder andere verlässliche männliche Bezugspersonen!), erst mal so einiges selbst, alleine, erfahren müssen, um dann eine gewisse Empfänglichkeit für das alte Wissen zu bekommen.
So ist der Mann nun mal auch, zumindest in jungen Jahren:
er will es besser wissen, gibt sich mit Vorgegebenem nicht zufrieden. Im richtigen Maß und in einen intakten sozialen Rahmen eingebettet, führt das zu Weiterentwicklungen und Innovationen.
Eigensinn und Besserwisserei aufgrund fehlender sozialer Geborgenheit und Führung, lässt jedoch meist wenig gereifte, sich völlig überschätzende und überhebliche „Jungmänner“ zurück. Sie blieben einfach zu sehr sich selbst überlassen.
Und noch was macht Männer aus: sie wollen führen und/oder geführt werden. Doch da ist keine dem „Wesen Mensch“ gerecht werdende Führung mehr in den meisten Kulturen. Das macht sich der „größte Männerverein der Welt“ zu Nutze und gibt seine primär machtorientierten Schritte vor. Links..recht..links..rechts.. Ebenso die Wirtschaft (Haupt-„Führungsmittel“ ist die Werbung), die Politik.
Tja, Männer wirklich in natürlich-gemeinschaftlichem Sinne zu führen, auch sich selbst als Mann (sich somit auch führen zu lassen), will echt gelernt sein.
Dabei geht es aus der Natur des Menschen als soziales Wesen nie um Macht, sondern immer um die „bestmögliche Nutzung der Fähigkeiten der Stammesmitglieder“. Also immer um die Gemeinschaft. Der/die mit den besten Führungskompetenzen führt eben. Ohne jedoch anderen „seins“ („Ego“) aufzuzwingen.
Das soziale Miteinander entschied in Zeiten, in denen Menschen noch unmittelbar von der Natur abhingen (menschheitsgeschichtlich gar nicht lange her!), wohl sehr schnell zwischen Überleben und Untergang eines Stammes.
8. Männergruppe: Möglichkeiten zur Mannwerdung
„mann? OH! MANN!“ bietet Männern nun einen Rahmen, in dem langen Prozess der Mannwerdung erste und weitere Schritte zu machen.
Dabei geht es nicht um einen „Schnellkursus zur Mannwerdung“, sondern darum, überhaupt erst einmal ein Gefühl für uns als Männer zu bekommen, Vertrauen zu Männern zu gewinnen, unsere liebevoll-männliche Art und Weise zu entdecken, zu reifen…um als Männer mehr und mehr unseren naturgegebenen Platz in der Gemeinschaft mit Männern, Frauen und Kindern einnehmen zu können.
Wie weit und wie lange der einzelne seinen Weg in dieser Männergruppe gehen will, wird er selbst spüren und entscheiden.
Ich begrüße jeden Mann dazu herzlich und begleite ihn gerne mit den anderen Männern ein Stück des Weges durch seinen „Ur-Wald des Mannseins“…
10. September 2007
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