Herbst
14.September 2007
Die ersten Zeichen des Herbstes haben sich wieder untrüglich in die Landschaft eingeprägt: die langsam farbig werdenden Blätter an den Bäumen, die lautlos und fast unsichtbar gewordenen Vögel, das geheimnisvolle Licht der Sonne, die Stille und Kühle der Morgendämmerung, die Wolkenbilder am Himmel, die ersten Herbstnebel im Tal, die taubenetzten, glänzenden Spinnweben in der Morgensonne…

Sie haben auch Einzug gehalten in meine innere Landschaft. Die Wogen des Sommers glätten sich langsam. Stille, Tiefe, Melancholie und auch das Gefühl von Einsamkeit sind wieder eingekehrt in die geheimnisvolle und unergründliche Landschaft meines Herzens.
Ich hatte dieses Jahr um viele und tiefe Begegnungen gebeten. Und wurde reich beschenkt. So reich, dass erst mein Sturz von einem Stiegengeländer mir bewusst machte, dass alles zuviel sein kann, sogar das Schöne. Es will erst „verarbeitet“, modifiziert, aussortiert, gelagert, integriert sein. Wie die Ernte von den Feldern. Bevor die Hitze des nächsten Sommers wieder neue Früchte bringen kann.
Es fällt mir – wie so vielen anderen auch – nicht leicht, die Stille und Tiefe des Herbstes nach einem bewegten, turbulenten Sommer anzunehmen. Mir Zeit dafür zu nehmen. Und das meist innewohnende Gefühl von Einsamkeit darin als wesentlichen Teil von mir selbst zu begrüßen.
Und doch entscheidet es darüber, ob meine Eindrücke wirklich verarbeitet und integriert werden, tiefe innere Beständigkeit erhalten. Ich so fortwährend aus dieser Erfahrung und Quelle in mir schöpfen kann.
Oder ob das meiste nach einem kurzen Aufflackern wieder in der Oberflächlichkeit des Alltags wie eine Eintagsfliege erlischt.
Obwohl mich die Stille, Tiefe, Abgeschiedenheit, die vielen sonnenlosen Wintertage, diese „einsame Schönheit“ im Dobltal manchmal auch sehr bedrücken, ist es doch genau diese Qualität, die mich nach einem erlebnisreichen Sommer langsam wieder zu mir kommen lässt.
Was der Herbst und Winter im Jahr sind, ist beim Tag der Abend. Oder wie bei mir, der noch dunkle Morgen.
Bin wieder eingetaucht in die Nachdenklichkeit und Melancholie, in die stille See des Herbstes. Wie jedes Jahr. Bis die nächste Meereswoge mich wieder aus meinem In-mich-gekehrt-sein reißen wird und mich zwingt, mich den unmittelbaren Anforderungen des Lebens zu stellen.
Ich wünsche jedem die Zeit und die Entscheidung für sich, um diese stille Tiefe in sich erleben zu können. Vielleicht bei tröpfelnder Musik und einer heissen Tasse Tee. Den Blick in die innere Ferne schweifend…
Um Ernte zu halten. 
Artikel gespeichert unter: Zum Nachdenken
bisher 1 Kommentar Eigenen Kommentar schreiben
1. ronja | 16.Oktober 2007 at 21:43
hast das echt du geschrieben papa? gaaanz alleine? …wow! der Herbst ist so wie du es beschreibst und er ist meine Lieblingsjahreszeit!
Tocher, Ronja
hab dich sehr sehr lieb!
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