Monatsarchiv für November, 2006
Die Erlebnisse mit Männern die letzten Wochen haben sehr an mir gerüttelt. Und alte, längst vergessen geglaubte Gefühle von Verachtung heraufbefördert. Ich war erschrocken und entsetzt über mich selbst. Ich spürte, wie tief meine Verachtung Männern gegenüber ist. Hatte ich schon bei Frauen vor vielen Jahren tiefe Verachtung voller Schrecken in mir gespürt, dachte ich nun doch nicht, dass ich sie auch bei Männern hätte. Mit Hilfe eines Freundes wurde ich mir ein großes Stück klarer über Herkunft und Hintergrund dieser Männerverachtung.
Ich bin seit einiger Zeit intensiv auf der Suche nach Kontakt mit Männern. Ich meine jetzt nicht diesen Small Talk über Autos, Fußball, Politik…, sondern eine Begegnung zwischen Männern, die Gefühle zeigen, “auf dem Weg sind”, offen sind, es ernst meinen…Und ich erlebte aus meiner subjektiven Sicht die letzte Zeit fast nur Enttäuschungen: es ist kein Verlass auf “die Männer”, die wollen sich nicht entscheiden, die zeigen sich nicht, die lassen sich alle Eventualitäten offen und binden sich nicht, wollen sich nicht wirklich einlassen…
Die Erlebnisse reichten aus, um dieses Gefühl von Verachtung wieder “zum Leben zu erwecken”. “Männer sind Schlappschwänze, hängen an Mamas Rockzipfel, lassen einen ohne Skrupel sitzen, sind völlig unzuverlässig, sind emotionale Sparschweine…”! All diese Attribute, die ich schon mal über Männer gehört hatte, entwanden sich ganz plötzlich irgendwelcher versteckter Hirnwindungen in mir.
“Ja, und es stimmt, genauso ist es”, wollte ein Teil in mir Genugtuung für meine tiefen Enttäuschungen.
Auf einem Kongreß über die Liebe referierte ein bekannter Buchautor und Mann, der schon lange mit Männergruppen arbeitet, über das Thema “Wie Männer lieben”. Er erhielt “standing Ovations” – von den Frauen! Die Männer – auch ich irgendwann – sind im Laufe des Vortrages immer ruhiger geworden. Der Referent war wirklich köstlich in seinem Witz. Doch er machte sich auf Kosten der Männer bei den Frauen beliebt, indem er ihnen bzgl. ihrer frustrierenden Erfahrungen mit Männern “aus dem Herzen sprach” – mit allen Abwertungen, die manchen Frauen über Männern auf den Lippen liegen.Nach dem Vortrag standen um die Referentin, die über “Wie Frauen lieben” gesprochen hatte, eine Menge Frauen. Und um den Referenten – auch lauter Frauen! Ich musste mich sehr bemühen, zu ihm zu gelangen. Ein Therapeut sagte ihm, vielleicht könnte er mittels einer Aufstellung aufhören, an der Seite seiner Mutter gegen die Männer zu kämpfen.
Ich wollte es aus meinen kürzlichen Männererlebnissen heraus nicht wahrhaben, doch ich fand mich genau in diesem Verhalten wieder: ich begann aus der inneren Solidarisierung mit den Frauen gegen die Männer zu kämpfen, sie abzuwerten, so wie ich als Sohn an der Seite meiner Mutter gegen meinen Vater kämpfte und auch ihre Verachtung ihm gegenüber übernahm. Es war vielleicht die einzige Chance, emotionale Zuwendung von ihr zu erhalten. Mein Vater war sowieso unerreichbar für mich.
Und es gab/gibt da aber auch einen Teil in mir, der unabhängig von meiner Mutter Verachtung meinem Vater gegenüber entwickelt hatte: weil er mich alleine gelassen hat, weil er der Frau das “emotionale Schlachtfeld” kampflos überlassen hatte, ich mich auf ihn nicht verlassen konnte, er mich nicht wirklich mitnahm…wohin auch immer.
Ich habe schon seit längerer Zeit Frieden mit meinen Eltern gefunden. Und doch tauchen in entsprechenden Situationen immer wieder alte Gefühle in mir auf, die nur zu meinen Eltern gehören. Als Kind und Junge konnte ich naturlich nicht “akzeptieren”, dass meine Eltern mir nicht gaben, was ich “von Natur aus” brauchte und erwartete. War ich doch völlig abhängig von ihnen.
Doch jetzt als erwachsener Mann bin ich äußerlich unabhängig und kann es: akzeptieren, dass mir der eine oder andere Mann einfach das nicht geben kann und auch nicht muss, was ich mir so sehr von meinem Vater wünschte: Nähe, Annahme, (Be-)Achtung, Offenheit, Ehrlichkeit, Liebe…
Und es ist ein Geschenk, wenn ich es ab und an doch erhalte. Meist, wenn ich es geschafft habe, mir es selbst zu geben.
Den Männern, denen ich in meiner inneren Not etwas abverlangen wollte und sie innerlich abwertete, sage ich: “Es tut mir leid.” Denen, die mir das Geschenk von wirklicher Nähe gaben: “Danke”
Ich habe ein Stück gelernt, zu akzeptieren. Und die Männer wieder mehr zu achten. Weiß ich doch aus eigener Erfahrung sehr gut, dass jeder Mann seinen eigenen Weg und seine eigene Geschwindigkeit hat. Und wie verdammt schwer es ist, sich darin selbst auszuhalten. Und wie oft hab ich mich nach einem wohlwollenden, “alten weisen Mann”, diesem Archetypen des Großväterlichen,gesehnt, der mich – im Grund meinen kleinen Jungen – trotz aller “Mängel” so akzeptiert und annimmt, wie ich bin.
Mich dort abholt, wo ich gerade bin! Und mich führt.
Wenn ICH soweit bin.
27. November 2006
Wie nur sind wir Männer wirklich zu erreichen?
Welche Verletzung läßt uns nur so in uns selbst zurückziehen, weg vom Leben, weg von den Menschen, weg von den Männern, weg von uns selbst?
Wieso stärken und bestätigen wir Männer uns nicht gegenseitig in unserer Männlichkeit, um sie endlich nicht mehr bei Frauen – vergeblich – suchen zu müssen?
Tief im Inneren wünsche ich mich in eine Gemeinschaft von Männern, die trägt, die stützt, die ein gemeinsames Ziel hat, die wesentlich ist!
Was ist los mit uns Männern?
Wir haben UNS vergessen…unsere Wurzeln,
und uns verloren…und noch viel mehr.
Ich möchte mich gerne wiederfinden…bei Euch, Männer! 
21. November 2006
Gestern startete die Gruppe „Im Kraftfeld des Kreises“ – mit 2 Frauen und mir.
Ich war zuvor in starker innerer Bedrängnis: „Ich kann doch mit nur 2 Teilnehmern keine Gruppe „halten“!“ Mein „Kopf“, mein geringer Selbstwert, meine Eitelkeit, was auch immer, forderten eine „schöne große“ Gruppe. Meine Angst redete mir gut zu, das Ganze doch abzublasen. Und eine etwas leise Stimme in mir sagte einfach nur: „Mach´s trotzdem!“
Ich beendete meine innere Zerrissenheit indem ich eine Ent-Scheidung traf: für die leise Stimme. Wieder einmal zeigte sich, das die Intuition wirklich ein leises Stimmchen hat. Marktschreierische Ambitionen sind ihr fremd. Doch so leise die Stimme, so groß ihre Verlässlichkeit. Bei den Vorbereitungen für den Kreis merkte ich, wie langsam alle Bedenken und Zweifel über meine Entscheidung schwanden. In mir war etwas gereift, das mir sagte: „Bring das Ganze in den Kreis ein!“ Der letzte Zweifel war danach wie weggeblasen. Und plötzlich spürte ich eine unglaublich große Freude in mir, auf den Abend, auf die 2 Frauen, auf den Kreis. Mir wurde bewusst, dass die Erkenntnis, das Erkennen erst mit der Entscheidung und die Freude, das Gefühl erst mit dem Tun kommt.
Und noch was sehr wichtiges wurde mir heute bewusst: ich hatte den Kreis bereits am Vormittag begonnen, mit sozusagen nur einem Teilnehmer: mit mir! Und meinen Anteilen, dem Verstand, dem Selbstwert, der Eitelkeit, der Angst, der Intuition! Und sicher noch anderen. Mit denen allen ich mich „in den Kreis setzte“. Das, was ich auch für den Kreis als Möglichkeit ausgeschrieben habe – die „Arbeit mit den Inneren Anteilen“ – hatte ich unbewusst bereits bei mir begonnen.
Und dann erzählte ich all das dem Kreis, brachte mich ein. Und es wurde wirklich ein durch und durch intensiver Abend, offen und lebendig. Wir erzählten im „Redestabmodus“ sehr offen und intensiv von uns. So verging die Zeit so rasch, dass ich meine vorbereitete Phantasiereise zum Inneren Kind nicht mehr durchführte. Es war genug an Tiefe gewesen. Nach einer entspannenden Trommelsession beendeten wir den Abend mit einer Abschluss- und Feedbackrunde Ich war rundum glücklich über diesen Abend mit „nur“ 3 Teilnehmern! Und ich war glücklich über meine Entscheidung, meiner „leisen Stimme“ vertraut zu haben! Ich danke Euch zwei Frauen für Euere Bereitschaft und Eueren Mut, Euch einzulassen!
Mir fällt es wie Schuppen von den Augen, dass tatsächlich nicht primär die Anzahl von Mitgliedern in einem Kreis, sondern ihre Bereitschaft sich zu zeigen und einzubringen über seine Lebendigkeit und seinen „Energielevel“ entscheidet! Jeder Teilnehmer hat viele „innere Teilnehmer“ mit dabei. Deshalb die alte Erfahrung, dass das Potenzial eines Kreises größer ist, als die Summe der Potenziale der (sichtbaren) Teilnehmer?! Kann man auch deshalb “über sich hinauswachsen”?? Man hat ja viel mehr “Teilnehmer” in sich, als nur sich! Dabei kommt es natürlich darauf an, wie man jeden diese „inneren Teilnehmer“ am Kreis teilhaben lässt, wie man sich also (vor sich selbst oder einem äußeren Kreis) zeigt. Das ist natürlich immer die Entscheidung des Einzelnen und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Am stärksten wohl von schlechten Erfahrungen aus der Kindheit und einem daraus entwickelten, starken Schutzbedürfnis. Damit auch von dem Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit im Kreis.
Das ist, was ich mir für diesen Kreis und überhaupt wünsche : Menschen in (inneren u./o. äußeren) Kreisen, die eine Atmosphäre von Geborgenheit und Vertrautheit “er-leben“, sie also durch ihr Tun erschaffen. Diese „Atmosphäre“ ist für mich das, was ich – als Ökologe- bei Tieren als ihren natürlichen Lebensraum bezeichnen würde. Den Lebensraum, in dem eine bestimmte Tierart „wohl gedeihen“ kann. So wie es für sie von Natur aus vorgesehen ist.
Und so sehe ich auch uns Menschen als Wesen, die nur unter natürlichen Bedingungen wohl gedeihen –und nach Verletzungen auch gesunden – können. Eine und vielleicht die wichtigste dieser natürlichen Bedingungen ist der „gesunde soziale Lebensraum“. Mit 2 wichtigen Elementen:
Der Vertrautheit und der Geborgenheit. 
10. November 2006
Kürzlich kam ich über die Arbeit mit einem Klienten an die Themen Würde und Selbstachtung. Da war die neue Info über die Sozialhilfe der Mutter. Zusammen mit den bisherigen Begegnungen mit dem Klienten kamen plötzlich etliche Gedanken und Gefühle in mir in Bewegung, vor allem bzgl. der Themen Würde und Selbstachtung.
Mir fiel der Artikel 1 des Grundgesetzes ein: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Dabei überkam mich ein Gefühl von Ärger und Übelkeit. Es war, als hätte ich etwas Ekelhaftes entdeckt. Und so empfinde ich es auch – nach all dem selbst Erlebten, Gelesenen und dem, was ich bei KlientInnen mitfühlen kann. Der Artikel suggeriert als „Realität“, was im Außen eben NICHT wirklich ist: die Würde des Menschen ist eben NICHT unantastbar!! Ich empfinde das grotesk und als völlige Missachtung all der Menschen, deren Würde sehr wohl ”angetastet” wurde!
„Angetastet“, klingt beinahe zärtlich, zumindest vorsichtig. Ich würde es eher „die Würde mit Füssen getreten“ bezeichnen: von Diktatoren, Politikern, Institutionen, Beamten, vom „lieben Nachbarn“, vom Partner, von den Eltern, irgendwann von den Kindern untereinander…und schließlich wir bei uns selbst.
Dieser – treffender weise erste – Satz im Grundgesetz ist für mich kollektive Verdrängung pur. Wie soll bei so viel „nicht sehen wollen/können/dürfen“ eine Veränderung oder gar Heilung passieren?
Mir fallen einige Situationen ein, in denen ich mich als Kind so furchtbar gedemütigt, bloßgestellt, lächerlich gemacht gefühlt habe.
So sah ich vor meinem inneren Auge den Klienten als kleinen Jungen mit seiner Mutter, die sich abmühte, unter der ganzen Verachtung, Abwertung und Demütigung durch die „Umwelt“ ihr letztes bisschen Selbstachtung und Würde nicht zu verlieren. Um zu überleben, versuchte sie etwas vorzuspielen: um mehr (notwendiges) Geld zu erhalten, um als „Wer“ und nicht als „Nichts“ dazustehen…um zumindest die Illusion einer gesellschaftlichen Zugehörigkeit aufrechtzuerhalten. Ich würde mich als Kind schrecklich und völlig hilflos fühlen, die Würde meiner Eltern „im Dreck“ zu erleben, sozial geächtet zu sein. Kinder spüren intuitiv diesen gesellschaftlichen Ausschluss. Sie reagieren mit heftigen Ängsten und Stress. Bedeutete der Ausschluss aus der Gesellschaft doch früher (als wir noch in Stämmen lebten) den sicheren Tod. Die Gehirnforschung weist diese urtiefe Angstreaktion bei sozialem Ausschluss eindeutig nach. Um diesen auf Dauer unerträglichen Gefühlen, mit welchen dieser kleine Junge bei niemandem Hilfe findet, zu entkommen macht er das, was ihn überleben lässt: er macht sich größer, weil er von außen klein gemacht wird…so hat er zumindest die Phantasie, dazuzugehören, zu einer Gesellschaft zu der man nur dazu gehört, wenn man „Wer“ ist. Für (Tauge-)”Nichtse” ist da kein Platz.
Wie viel erlittene Verletzung, Schmach, Erniedrigung, Ent-Würdigung…wartet da wohl noch unbeachtet in irgendeiner verstaubten Ecke unserer Kinderseele darauf, endlich gesehen, gefühlt und ausgedrückt zu werden? Als Kinder waren wir diesen Umständen hilflos ausgeliefert. Jetzt als Erwachsene haben wir die Möglichkeit, unsere Würde und Selbstachtung wieder zu gewinnen, wo sie uns als Kind genommen wurde.
Unser „Inneres Kind“ zeigt uns den Weg.
Ich wünsche jedem viel Glück dabei!
08. November 2006